Na servas, die Damen und Herren. Habt’s eure Sonntagsgesichter eh festgetackert? In diesem Auszug knöpft sich Schröder die ‚soziale Erwünschtheit‘ vor – oder wie wir im Amt sagen: das feige Verstecken hinter der Tapete der Anständigkeit. Ein Text für alle, die das hohle Grinsen am Kaffeeautomaten genauso satt haben wie das kollektive Kopfnicken im Takt der Tugendwächter. Werfen Sie einen Blick hinter die perfekt dekorierten Fassaden Ihrer Mitmenschen. Aber Vorsicht: Es könnte sein, dass Sie sich selbst darin wiedererkennen. Ein bisserl Wahrheit hat noch keinem geschadet – oder vielleicht doch? Lesen auf eigene Gefahr.“
Sozial angepasst
Oder wie man scheinheilig mit sozial erwünscht übersetzt
Na servas die Damen und Herren, liebe Scheinheiligen und euer geheucheltes Gutmenschentum! Setzts euch nieder, es wird ungemütlich. Ich – der Schröder – hat heute einen Artikel gelesen. „Soziale Erwünschtheit“ stand da in blumigen Lettern. Als ob das was Neues wär! Als ob wir in diesem verlogenen Kaspertheater namens Gesellschaft nicht jeden verdammten Tag die Masken der Anständigkeit spazieren tragen würden, bis uns die Ohren abfallen.
Ich sitz hier im Amt, die Aktendeckel stapeln sich wie die Sünden einer Klosterschülerin, aber mein Hirn, das raucht. „Soziale Erwünschtheit“. Pff! Das ist doch nur ein feinerer Ausdruck für „Angst vor dem Mob“. Angst vor den Blicken der Nachbarn, dem Tuscheln der Kollegen, dem Shitstorm auf dieser digitalen Kloake namens Soziale Medien.
Vor meinem geistigen Auge ziehen sie vorbei, die Musterheiligen der Anpassung. Die Frau soundso, die jeden Morgen mit einem aufgesetzten Lächeln die Straße entlangstelzt, als hätte sie gerade den Weltfrieden persönlich ausgehandelt. Aber wehe, man wirft einen Blick hinter die Gardinen ihrer perfekt dekorierten Wohnung! Da lauert die Einsamkeit, die ungestillte Wut, der miefige Geruch unterdrückter Tränen. Aber nach außen hin: strahlend, engagiert, immer einen wohlmeinenden Ratschlag auf den Lippen. Zum Kotzen!
Und der Herr soundso, der im Büro den Saubermann mimt, immer die korrekten Floskeln auf Lager, immer betont moralisch, immer den Finger in die Wunde der anderen legend. Aber am Wochenende, wenn keiner hinsieht, da verwandelt er sich in ein testosterongesteuertes Arschloch, das seinen Frust an allem und jedem auslässt, der ihm nicht rechtzeitig aus dem Weg geht. Aber am Montag? Gelächelter Smalltalk am Kaffeeautomaten, als wäre er der leibhaftige Dalai Lama im Nadelstreif.
Ja, die Angst, meine Damen und Herren, die Angst! Die ist der Kitt dieser faulen Gesellschaft. Die Angst vor dem Ausschluss. Die Angst, nicht dazuzugehören. Die archaische Furcht des Rudeltiers, verstoßen zu werden und elendig zugrunde zu gehen. Und diese Angst, die wird gnadenlos ausgenutzt. Von den Moralaposteln, den Tugendwächtern, den selbsternannten Hütern des einzig wahren Weges.
Denken wir doch mal zurück. Diese Corona-Zeit, diese kollektive Gehirnwäsche! Wer nicht brav mitgemacht hat, wer eine kritische Frage gestellt hat, wer es gewagt hat, die heiligen Masken und die unsäglichen Maßnahmen zu hinterfragen, der wurde gebrandmarkt. Als „Covidiot“, als „Leugner“, als „gefährlicher Virusverbreiter“. Die soziale Keule wurde mit voller Wucht geschwungen. Da war sie wieder, die soziale Erwünschtheit in Reinkultur. Duck dich, halt die Klappe, mach mit, sonst bist du draußen!
Und die jüngere Geschichte? Red ma gar nicht erst davon! Wer nicht in den Chor der „Anständigen“ eingestimmt hat, wer nicht die Parolen der jeweiligen Machthaber mit Inbrunst gebrüllt hat, der hat schnell mal Bekanntschaft mit den dunklen Seiten der „sozialen Gemeinschaft“ gemacht. Da wurden Karrieren zerstört, Existenzen vernichtet, Menschen physisch und psychisch zugrunde gerichtet – alles im Namen der „sozialen Ordnung“, der „moralischen Reinheit“, der verdammten „sozialen Erwünschtheit“!
Ich seh’s doch jeden Tag im Kleinen. Die Kollegin, die über die Witze des Chefs lacht, obwohl sie diese eigentlich zum Kotzen findet. Aber was soll sie machen? Will ja nicht anecken, will ja nicht die Karriereleiter runterfallen. Der Praktikant, der artig nickt und „Ja, Herr Direktor!“ sagt, auch wenn der gerade den größten Blödsinn verzapft. Aber was soll er machen? Will ja schließlich übernommen werden.
Und ich? Bin ich da anders? Vielleicht nicht immer. Auch ich habe meine Momente der Anpassung. Wenn der Chef wieder einen seiner unerträglichen Monologe hält, dann nicke auch ich artig und versuche, einen möglichst interessierten Gesichtsausdruck aufzusetzen. Obwohl ich innerlich schon längst beim nächsten Urlaub am Meer bin oder mir ausmale, wie ich ihm auf elegante Weise die Kaffeetasse über den Scheitel gieße. Aber was soll ich machen? Will ja schließlich meinen Job behalten, so beschissen er auch manchmal ist.
Aber dann gibt es diese Momente, da bricht der Brandstifter in mir durch. Da kann ich nicht anders, da muss ich das Maul aufmachen, da muss ich die verlogene Fassade einreißen. Dann sag ich meine Meinung, auch wenn sie unbequem ist, auch wenn sie aneckt, auch wenn sie mir vielleicht irgendwann auf die Füße fällt. Weil irgendwann reicht’s! Irgendwann ist das Maß voll mit dieser ewigen Heuchelei, mit diesem permanenten Tanz um den goldenen Götzen der „sozialen Akzeptanz“.
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3. Besondere Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen Die Lektüre kann das Weltbild von High-Performern und Life-Coaches in tausend digitale Scherben zerlegen. Vor der Anwendung im öffentlichen Raum (z. B. Beisl oder Wiener U-Bahn) ist sicherzustellen, dass genügend Kaltgetränke zur Neutralisierung der Bitterkeit vorhanden sind.
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Zu Risiken und Nebenwirkungen fressen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Barkeeper oder den nächsten Wiener Beamten.