Akt Z-09: Die totale Kapitulation vor der Wanderlust

Akt Z-09: Die totale Kapitulation vor der Wanderlust

Sie glauben, das Leben ist eine Wanderung auf einen sonnigen Berggipfel? Träumen Sie weiter. In diesem Auszug serviert uns Schröder die nackte Wahrheit aus einem Motelzimmer, das mehr nach Verzweiflung riecht als Ihr letztes Mitarbeitergespräch. Ein Text für alle, die wissen, dass der ‚Weg‘ oft nur eine schlecht beleuchtete Baustelle ohne Umleitungsschild ist. Schnallen Sie sich an – es wird ungemütlich.

Leseprobe: Die große Lüge vom Weg

Okay, schnallt euch an, ihr verdammten Sucher und Sinnstifter. Wir tauchen kopfüber in diesen ausgelutschten Kalenderspruch ein, dieses Mantra der Selbsthilfe-Gurus und Rucksacktouristen mit Dreadlocks, die glauben, Erleuchtung in einem Beutel Billig-Weed gefunden zu haben: „Der Weg ist das Ziel.“ Klingt nett, nicht wahr? Harmonisch. Erbaulich. Zum Kotzen.
Ich sitze hier, in irgendeinem gottverlassenen Motelzimmer am Arsch der amerikanischen Prärie, nennen wir es das „Dust Devil Inn“ – passenderweise. Der Teppichboden riecht nach einer unheiligen Mischung aus verschüttetem Bourbon, Verzweiflung und dem Schweiß von tausend gescheiterten Träumen. Draußen heult der Wind wie ein Kojote auf schlechten Drogen, und der einzige Stern am Himmel ist das flackernde Neonschild einer Tankstelle, die wahrscheinlich seit Nixon keine neuen Zapfsäulen mehr gesehen hat. Und hier, in diesem Mikrokosmos des menschlichen Elends, soll ich über die Schönheit des Weges philosophieren? Bullshit. Totaler, unverfälschter Bullshit.
Wer hat sich diesen Mist überhaupt ausgedacht? Wahrscheinlich irgendein wohlgenährter Philosoph, der nie einen Platten auf einer einsamen Landstraße wechseln musste, während ihm Trucker fast den Schädel abrasierten. Oder ein Zen-Meister auf einem Berg, dessen größtes Problem darin bestand, ob sein Tee die richtige Temperatur hat. Probiert mal, diesen Spruch einem alleinerziehenden Vater vorzulesen, der drei Jobs jongliert, um seine Kinder durchzubringen. Erzählt ihm von der „Schönheit des Weges“, während er sich fragt, wie er die nächste Stromrechnung bezahlen soll. Seht mal, wie schnell euch die Zen-Gelassenheit aus dem Gesicht geprügelt wird.
Der Weg? Dieser sogenannte Weg ist oft genug ein verdammter Hindernislauf über Glasscherben, ein Sumpf aus Bürokratie, ein Minenfeld aus zwischenmenschlichen Katastrophen. Er ist zähflüssig, frustrierend und oft genug einfach nur stinklangweilig. Stundenlange Autofahrten durch Landschaften, die so inspirierend sind wie eine Steuererklärung. Endlose Meetings unter Neonlicht, in denen Seelen langsam zu Staub zermahlen werden. Warteschlangen, Staus, Verspätungen – das ist der „Weg“ für die meisten von uns. Eine endlose Litanei des Mittelmaßes und der kleinen, nagenden Ärgernisse.
Und wir sollen das genießen? Uns daran erfreuen? Welcher perverse Sadist hat sich das ausgedacht? Das ist Gehirnwäsche, Leute! Eine Beruhigungspille für die Massen, damit sie nicht aufmucken, während die Bosse in ihren Elfenbeintürmen Champagner saufen und sich über ihre Boni freuen – das Ziel, verdammt nochmal!
Ich war unterwegs, oh ja. Ich habe mehr Meilen auf dem Buckel als ein alternder Rockstar auf Abschiedstournee. Ich bin durch Wüsten gerast, habe mich durch Dschungel geschlagen, bin in stinkenden Bussen über Andenpässe gekrochen, bei denen der Fahrer aussah, als hätte er gerade eine Flasche Pisco und seine Lebenslust geleert. Ich habe in Spelunken geschlafen, in denen die Kakerlaken größer waren als meine Faust und wahrscheinlich besser organisiert. Ich habe Dinge gesehen, die eure glattgebügelten Vorstellungen von „Reise“ sprengen würden.
War das alles „schön“? Manchmal. In flüchtigen Momenten. Ein Sonnenaufgang über einem Salzsee, der aussah wie flüssiges Quecksilber. Das Lachen eines Fremden in einer Bar, das für einen Augenblick die ganze Scheiße vergessen ließ. Der Adrenalinrausch, wenn man knapp dem Tod oder der Verhaftung entkommen ist. Ja, diese Momente gibt es. Aber sind sie den ganzen Rest wert? Den Dreck, die Angst, die Einsamkeit, das ständige Gefühl, am falschen Ort zur falschen Zeit zu sein?
Das ist die Crux an der Sache. Dieser „Weg ist das Ziel“-Spruch ignoriert die brutale Realität, dass die meisten Wege beschissen sind. Er romantisiert das Leiden, die Mühsal, die pure Notwendigkeit, von A nach B zu kommen, nur um zu überleben oder irgendein verdammtes Ziel zu erreichen, das uns die Gesellschaft oder unser eigener, kranker Ehrgeiz eingetrichtert hat.
Denkt doch mal nach: Warum rennen Leute Marathon? Wegen der „Schönheit“ der 42 Kilometer Asphalt? Wegen des brennenden Schmerzes in den Lungen, der Krämpfe in den Waden, des Geschmacks von Blut im Mund? Nein! Sie rennen für die verdammte Ziellinie! Für die Medaille, für das Gefühl, es geschafft zu haben, für das Recht, sagen zu können: „Ich hab‘s getan, ihr Penner!“ Das Ziel ist der verdammte Punkt, der dem ganzen Wahnsinn einen Sinn gibt – oder zumindest die Illusion davon.
Und was ist mit dem Streben nach Geld, Macht, Ruhm? Ist der „Weg“ des skrupellosen Brokers, der Rentner abzockt, das „Ziel“? Ist der „Weg“ des Politikers, der sich durch Intrigen und Lügen an die Spitze kämpft, das „Ziel“? Ich bitte euch. Das sind notwendige Übel, dreckige Kompromisse auf dem Pfad zu etwas anderem – etwas Greifbarem, etwas, das man zählen, anfassen oder zumindest damit angeben kann.
Natürlich, jetzt kommen die Esoteriker und Wellness-Jünger aus ihren Löchern gekrochen. „Aber es geht doch um die innere Reise! Um das Wachstum! Um Achtsamkeit!“ Ja, sicher. Wachsen kann man auch, wenn man sich den Zeh am Türrahmen bricht. Das macht den Schmerz nicht weniger beschissen. Achtsamkeit ist toll, wenn man in einem klimatisierten Yoga-Studio sitzt und Meeresrauschen aus der Dose hört. Versucht mal, achtsam zu sein, wenn euch der Gerichtsvollzieher im Nacken sitzt oder euer Auto mitten in der Nacht den Geist aufgibt.
Diese ganze „Der Weg ist das Ziel“-Rhetorik ist doch nur ein cleverer Trick, um uns von der Unzulänglichkeit der meisten Ziele abzulenken. Was passiert denn, wenn man das Ziel erreicht? Wenn man den Gipfel erklommen hat, den Traumjob gelandet, die Million geknackt hat? Oft genug: Leere. Ernüchterung. Das „War das jetzt alles?“-Gefühl. Die Erkenntnis, dass das Ziel nur eine weitere Fata Morgana in der Wüste der menschlichen Begierde war.

FORTSETZUNG IM BUCH: Kauf oder las1se es bleiben. Mir is es wurscht

Das Manifest des Liegenbleibens

Die Kur gegen den Optimierungswahn.

Du hast jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder du kaufst dir den nächsten Ratgeber von einem 20-jährigen Millionär, der dir erklärt, wie du durch Kalt-Duschen und positives Denken deine Seele verkaufst. Oder du investierst in die Wahrheit.

GRANT ist kein Buch, das dich motiviert. Es ist das Buch, das dir recht gibt. Ein literarisches Stamperl Schnaps nach einem Tag voller Bullshit-Bingo und Synergie-Effekten.

E-Book

Für Ungeduldige & Knauser

Digitales Elend für dein Tablet. Spart Papier, schont aber nicht deine Nerven.

Hardcover

Die Luxus-Depression

Schwer genug, um es jemandem nachzuwerfen, der dich „inspiriert“. Macht sich gut im Regal neben den ungelesenen Klassikern.

Softcover

Der treue Begleiter

Passt perfekt in die Tasche für die Fahrt ins Amt oder zur nächsten sinnlosen Konferenz.

GEBRAUCHSINFORMATION: GRANT – DIE WEISHEIT DER EITRIGEN

Zusammensetzung: 100 % Wiener Zynismus, destillierte Resignation, Spuren von Gulaschsaft und spitze Bleistifte. Frei von künstlichen Optimierungsmitteln.

1. Was ist GRANT und wofür wird es angewendet? GRANT ist ein hochwirksamer Anti-Ratgeber zur kurzfristigen Behandlung von akuter Sinnsuche, Burnout-Präventions-Wahn und chronischem Lächeln auf Befehl. Es wird angewendet, wenn die Realität im Bürokaffee nicht mehr mit der Instagram-Fassade des eigenen Lebens übereinstimmt.

2. Was sollten Sie vor der Lektüre beachten? GRANT darf nicht gelesen werden, wenn Sie:

  • An unheilbarem Optimismus leiden.

  • Glauben, dass der Weg das Ziel ist (Vorsicht: Dieser Irrglaube führt zu unnötigem Herumirren in der Prärie)

3. Besondere Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen Die Lektüre kann das Weltbild von High-Performern und Life-Coaches in tausend digitale Scherben zerlegen. Vor der Anwendung im öffentlichen Raum (z. B. Beisl oder Wiener U-Bahn) ist sicherzustellen, dass genügend Kaltgetränke zur Neutralisierung der Bitterkeit vorhanden sind.

4. Mögliche Nebenwirkungen Wie alle wirksamen Mittel kann GRANT Nebenwirkungen haben, die aber nicht bei jedem Optimisten auftreten müssen:

  • Häufig: Spontanes Kopfschütteln, unkontrolliertes Granteln, plötzliche Erkenntnis der eigenen Überflüssigkeit im Hamsterrad.

  • Gelegentlich: Allergische Reaktionen auf Wörter wie „Purpose“, „Agilität“ oder „Work-Life-Balance“.

  • Selten: Das Bedürfnis, den Job zu schmeißen oder zumindest den Bleistift im exakten 90-Grad-Winkel auszurichten.

  • Sehr selten: Ein ehrliches, zynisches Lächeln.

5. Überdosierung Bei einer Überdosis GRANT (mehr als 300 Seiten am Stück) kann es zu einer permanenten Arbeitsverweigerung kommen. Suchen Sie in diesem Fall sofort das nächste Beisl auf und bestellen Sie eine „Eitrige mit an Bugl“ zur Erdung.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fressen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Barkeeper oder den nächsten Wiener Beamten.